Ausnahmen von der Regel
Gemeinsam sind sie stark: Stadt im Regal und Bewegung Nurr

Stadt im Regal ist kein Architekturmodell. Vielmehr nennt sich so eine rührige, zwölfköpfige Künstlergruppe aus Berlin. Ihr jüngstes Projekt hat sie soeben unter dem Titel „Narbengesicht“ in einem alten Dampfbad von Baden-Baden verwirklicht. Die Ausstellung umspielte mit zahlreichen Skulpturen, Mixed-Media-Objekten und Installationen das Thema des „alterslosen Glamour", also des Gegenentwurfs zu der von Alter und Gebrechen geschundenen menschlichen Hülle (siehe Foto). Anlass war eine Einladung der Kurstadt, die sich auf ihrer Website als „zukünftiges Zentrum der Anti-Aging Bewegung“ präsentiert.
Wenn die elf Malerinnen, Zeichnerinnen, Grafikerinnen und der eine Quotenmann der Gruppe gemeinsam ausstellen, addieren sich ihre Positionen zu einem Gesamtkunstwert. So war der „Bungalow“, mit dem sich die Gruppe vor drei Jahren an dem Berliner Festival Z 2000 beteiligte, recht vielgestaltig. Darin fanden sich Computeranimationen, federleicht auf das Blatt gezeichnete Aquarelle ebenso wie überdimensionierte Abflussrohrbedeckungen. Und auf das Dach des Hauses schien ein Meteorit eingeschlagen zu sein.
Im Dialog mit anderen einen gemeinsamen Standpunkt zu finden, ist der Gruppe wichtig. Stadt im Regal verfolgt das Ideal eines gut funktionierenden Künstlerzusammenschlusses. Nicht der Einzelne soll sich exponieren, sondern das kreative Floating von Ideen und Projektvorschlägen ist das Ziel. So werden die Künstlerinnen auch international interessant: als Ausnahmeerscheinung in einem Kunstbetrieb, der von Einzelkämpfertum geprägt ist. Die Gruppe schafft es immer wieder, ohne ein striktes Konzept eine Gesamtschau zu schaffen, die mit vielfachen situationsbezogenen Korrespondenzen überzeugt. Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist dabei die Bereitschaft und Fähigkeit der Mitglieder, die Egozentrik zurückzustellen und sich auf den gemeinsamen Auftritt zu konzentrieren.

Trennung oder ideeller Kitt

Gerade daran haperte es bei der im Jahr 2000 gegründeten Performancegruppe Pakt, die sich bereits aufgelöst hat. „Es ging nicht mehr weiter, wir hatten zuletzt alle unterschiedliche Vorstellungen entwickelt“, resümiert der Künstler BBB Johannes Deimling den mittlerweile aufgekündigten Pakt mit Anja Ibsch und Ingolf Keiner. „Es war zum Schluss nur noch blinder Aktionismus“. Schon vor ihrem Zusammenschluss hatten die drei auf dem Feld der künstlerischen Performances gearbeitet. In der Einsicht, dass es notwendig sei, sich in der Öffentlichkeit deutlich zu artikulieren, schlossen sie sich zusammen. Doch das Spektrum der Möglichkeiten einer Kunstperformance ist breit: Es reicht bekanntlich von Schwitters Ursonate bis zu den sakral anmutenden Aktionen von Marina Abramovic. Letztlich stellte sich heraus, dass die drei Künstler sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten. Während Keiners und Ibschs Performances an Spektakel des seligen Beuys erinnern, ist Deimling der Dialog mit dem Zuschauer, der Teil der Performance wird, wichtig. „Unsere künstlerischen Intentionen haben sich auseinander entwickelt“, meint denn auch Anja Ibsch.
Die Berliner Bewegung Nurr hingegen besteht seit mehr als einem Jahrzehnt. 1989 in Dresden gegründet, setzt sie sich in ihren Installationen und Fotoarbeiten auch mit aktuellen Marktstrategien auseinander, wie sie Wirtschafskonzerne anwenden. So entwarfen Alekos Hofstetter, Christian Steuer und Lokiev Stoof Ende der 90er Jahre einen fiktiven „Aids Store“ und experimentierten mit einem selbst entworfenen „Aids“-Schriftzug als Warenzeichen. Der poppig-verspielte Impetus schien dem ernsten Thema zunächst zu widersprechen. Dem versuchte die Gruppe dann mit einer umfassenden diskursiven Reflexion und mit wortreichen Thesenpapieren zu begegnen.
Der konzeptuelle Hintergrund war wohl auch der ideelle Kitt, welcher der Gruppe das langfristige Fortbestehen sicherte. Themen wie Vermarktungsstrategien und Labeling nicht nur der Künstler entfalteten ihre Brisanz erst nach einigen Jahren. So entwarf Bewegung Nurr zum Thema „Corporate Identity“ 2002 in Dresden einen Iglu. Den begriffen die Künstler als Metapher für das „Überleben im System Kunst“. Auf einem Fotoprint zum Projekt bewegten sich plüschige Robbenbabies durch die bitterkalte blaue Eiswüste zum rettenden Iglu hin. Bewegung Nurr nimmt derzeit an der Sommerausstellung von Kunstverein und Magazin4 in Bregenz teil.
Stadt im Regal wiederum reisen im August nach Hoyerswerda: Während der Veranstaltung Superumbau, an der sich auch die Frankfurter Gruppe finger mit ihrem in Berlin gestarteten Wettbewerb evolutionären zellen beteiligt, setzt sich die Gruppe mit dem Abbruch eines Plattenbaus auseinander.

Richard Rabensaat, Zitty 16/2003, Seite 68