Der Letzte macht das Licht aus
"Hier entsteht eine Wiese": Das Projekt "Superumbau" in Hoyerswerda begleitet das Schrumpfen der Stadt

Der Abriss eines Wohnblocks ist eine Frage präziser Planung. Ganze sechs Wochen dauert es vom Aufstellen des Bauzauns bis zum letzten Spatenstich, mit dem die Baugrube vollständig mit Muttererde aufgefüllt ist. Binnen zwölf Tagen wird der Häuserblock von Schadstoffen gereinigt, außen wie innen. Sechs Tage dauert die Entkernung, bei der Türen, Fenster, Fensterrahmen, fest montiertes Küchenmobiliar und ähnliches demontiert werden. Der reine Abriss ist dann eine Kleinigkeit, für die eine knappe Woche veranschlagt wird. Wo einst in fünf Aufgängen rund 30 Mietparteien lebten, grünt schon bald eine Wiese.
Alltag in der Region, wo der staatlich geförderte "Stadtumbau Ost" tobt - der planmäßige Abriss von Plattenbauten in den DDR-Großsiedlungen. Alltag auch und besonders in Hoyerswerda, einer Stadt, die nach und nach zum Städtchen und dereinst womöglich wieder zum Dorf zusammenschrumpft. 15 Blöcke in Plattenbauweise in der Neustadt, die in den Fünfzigern und Sechzigern aus dem Boden gestampft wurden, sind bereits wieder verschwunden. Im Augenblick ist der Block P2 im WK 8 an der Merzdorfer Straße dran. WK bedeutet Wohnkomplex, so hießen die einzelnen Quartiere des riesigen Neubaugebiets.
Doch diesmal ist einiges anders. In einer ehemaligen Kita, direkt neben dem Abrissblock, hat sich ein Baubüro besonderer Art eingerichtet. Dort arbeiten über die gesamte Dauer des Abrisses Künstler. Arbeit an einem Brennpunkt: "Superumbau" heißt das Projekt, das sich mit der Situation der schrumpfenden Stadt befasst und das lethargische Schweigen brechen will, mit dem die Menschen hier sonst auf das Verschwinden der Häuser reagieren.
Wie in einem Architekturbüro haben die zwölf Mitglieder der Gruppe Stadt im Regal niedrige Arbeitstische aufgestellt und lassen sich bei ihren jeweiligen Tätigkeiten vom Publikum beobachten. Auf ihre Weise begleiten sie den Abriss, besuchen etwa die täglichen Baurapports auf der Baustelle. Auch aus ganz praktischen Gründen: Für einige ihrer Aktionen brauchen sie Genehmigungen. Etwa Katharina Schmidt, die in den leeren Wohnungen nach Spuren der früheren Bewohner sucht. Mit Bleistift rubbelt sie Tapetenmuster, Kacheln, rohe Wandflächen auf A4-Blätter. Akribisch sind die jeweiligen Fundstellen dokumentiert: Merzdorfer Str. 17, EG, links.
Antje Dorn wiederum hat das Bauschild entworfen - wie ein Neubau braucht auch ein Abriss ein Schild, auf dem unter anderem der Bauherr verzeichnet ist. Ihre Entwürfe tragen den Schriftzug "Hier entsteht eine Wiese". Verschiedene Sorten Asphalt hat Heike Klussmann gesammelt und in Proben auf ihrem Tisch gestellt. Sie möchte verfolgen, wie der Beton des Abrisshauses als Straßenbaumaterial recycelt wird. An der Straße, die damit gepflastert wird, möchte sie ein Denkmal für das verschwundene Haus errichten.
Ein echter Publikumshit ist das Computerspiel, das Valeska Peschke entwickelt hat: ein Autorennspiel mit Fußpedal und Steuerrad, die Piste führt durch die düsteren Schluchten des Braunkohlekraftwerks Schwarze Pumpe, dem die Neustadt von Hoyerswerda sein Entstehen verdankt. Die Künstlerinnen haben zudem alte Architekturmodelle, Fotos und Dokumente über die Neustadt gesammelt. An der Wand hängt auch der originale Zeitplan für den Abriss von Block P2.
Hoyerswerda ist heute so etwas wie der Outlaw unter den deutschen Städten - landauf, landab assoziiert mit Plattenbautristesse und Ausländerfeindlichkeit, seitdem hier 1991 ein Pogrom zur "ersten ausländerfreien Stadt" führte. Das Image kann schlechter kaum sein. Dabei war Hoyerswerda zu DDR-Zeiten fast so etwas wie ein Mythos. Der große Bedarf an Arbeitskräften für die Lausitzer Braunkohlegruben und das nahe gelegene Kraftwerk lockte Zehntausende aus der ganzen Republik in die Stadt. In industrieller Bauweise wurden in der Neustadt großflächig Siedlungen hochgezogen, die schließlich 60 000 Menschen beherbergten.
"Viele Kinder gab es hier" erinnert sich die Architektin Dorit Baumeister, die in der Neustadt aufgewachsen ist und "Superumbau" initiiert hat. "Die Stadt lebte im Rhythmus der Schichten von Schwarze Pumpe. Die Leute waren geprägt von der harten Arbeit und der schlechten Umwelt. Der Schnee war schwarz. Und Bronchitis war eine Massenkrankheit.
Es gab fließend warmes Wasser. Kindergärten und Schulen lagen in der Nähe. Aber die schlammigen Brachen zwischen den uniformen Häuserblöcken wurden nie richtig gestaltet, und graue Fassaden blieben graue Fassaden. Die Schriftstellerin Brigitte Reimann lebte hier acht Jahre lang und schrieb den DDR-Bestseller Franziska Linkerhand über Hoffnungen und Verzweiflung einer jungen Frau in der "neuen sozialistischen Stadt".
Heute leben immer noch viele Angehörige der Aufbaugeneration in den Häusern, während die Jüngeren wegziehen. Jemand wie Dorit Baumeister, die nach ihrer Ausbildung und ersten Berufserfahrungen andernorts bewusst zurück gekommen ist, bildet die große Ausnahme.
Kein Wunder, dass die Anwohner den "Superumbau" erst mal aus der Ferne betrachten. Ihr Lebensgefühl schwankt zwischen Lethargie, Trotz und "Der Letzte macht das Licht aus". Und doch konnte die Berliner Theaterregisseurin Andrea Moses für ihren Beitrag zum "Superumbau" genügend Rentnerinnen und Rentner aus Hoyerswerda finden, die bereit sind, einen Teil ihrer Lebensgeschichte noch einmal nachzuspielen. In den fünfziger Jahren hat der Dramatiker Alfred Matusche in seinem Stück "Kap der Unruhe" den Aufbau der neuen Städte in der DDR emphatisch beschrieben. In einem Bühnenbild von Jan Pappelbaum (Schaubühne Berlin), der in der Kita eine Baubaracke mit vielen DDR-Requisiten und echtem Kohlemief nachgebaut hat, spielen die Senioren von Hoyerswerda nun die jungen, zukunftsfrohen Menschen von damals, die sie selbst einmal gewesen sind.
Wie ambivalent mancher auf die Unwirtlichkeit dieser Stadt reagiert hat, lässt sich in den Tagebüchern von Brigitte Reimann nachlesen, die 1960 als junge Schriftstellerin nach Hoyerswerda kam. Die Künstlerin Laura Bruce hat Passagen dieser Tagebücher von Einheimischen lesen lassen und auf Video aufgenommen. Ihr suggestiver Film zeigt ernsthafte Gesichter von Menschen, denen die vorgelesenen Aussagen über Fremdheit, Heimweh und den Willen, sich durchzubeißen, nicht fremd sind. Bis Ende September, wenn die letzten Spuren des Blocks P2 verschwunden sind, gibt es hier Stadtgespräche, Musikveranstaltungen und Vorführungen historischer Filme aus dem Kraftwerksarchiv von Schwarze Pumpe.
Inzwischen kommen vor allem ältere Besucher, manche bringen Fotos mit. Geschichten haben alle zu erzählen. "Wir fangen hier Gefühle auf", sagt Dorit Baumeister. Die Einwohnerzahl der Neustadt soll in den kommenden anderthalb Jahrzehnten bis auf 15 000 schrumpfen. Das werden dann fast nur noch Ältere sein. Reicht es bei einer solchen Entwicklung, aus Wohnblöcken grüne Wiesen zu machen?
"Wachstum ist einfach, aber für das Schrumpfen von Städten fehlt uns bis heute ein Instrumentarium", meint Dorit Baumeister. "Dazu müsste man zumindest die Menschen, die hier bleiben, mit ins Boot nehmen - für einen geordneten Rückzug."
Noch ist offen, ob das Projekt "Superumbau" für Hoyerswerda ein erster Schritt oder eine weitere verlorene Chance bedeutet. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche, der im Umland von Hoyerswerda lebt, sieht jedenfalls im Projekt einen "Tummelplatz für selbsternannte Künstler" und eine Verschwendung von Steuergeldern. Eine schriftliche Anfrage an die Bundesregierung hat er bereits gestellt. Die Ausstellung selbst hat er bis heute nicht besucht.

Johannes Wendland, Frankfurter Rundschau vom 03.09.2003, Seite 11