Vorsätzlich Herumlungern
Nie war Kunst so kuschelig wie heute: Das Festival "Z 2000", initiiert von der Akademie der Künste

Rechts neben der Akademie der Künste quillt ein Pressplattenpavillon mählich auf im Regenschauer. Der Verschlag umschließt Henry Moores direkt am Eingang sich räkelnde Frauenskulptur hermetisch, er ist überhaupt mit seinem schießschartenschmalen Eingang so abweisend wie eine Festung. "Bungalow", so der Titel des durch das Künstlerkollektiv Stadt im Regal realisierten Projekts, zählt zu den sieben Ausstellungen des am Wochenende eröffneten Festivals "Z 2000 - Positionen junger Kunst und Kultur". Es ist die originalgroße Reproduktion eines Atriumhauses von Eduard Ludwig, mit bodenlangen weißen Ado-Gardinen und Romy Schneiders Stimme aus ihren Filmen komplett im 50er-Jahre-Geschmack eingerichtet. Der Architekt Ludwig propagierte für die Wiederbebauung des im Krieg fast völlig zerstörten Hansaviertels die so genannte "Teppichbebauung": Miteinander verschränkte Rechtecke überziehen flächig den Raum, in ihrer Neutralität und Regelmäßigkeit verraten sie nichts über ihre Bewohner, Gärten sind von Mauern umschlossen, Fenster richten sich nur zu den umfriedeten Lichthöfen aus. Das ermöglicht zwar ein Höchstmaß an Privatheit, verschließt sich aber vehement jeder Vorstellung von einer miteinander kommunizierenden städtischen Gemeinschaft.

"Bungalow" ist das erste, was der Besucher von "Z 2000" sieht, und es ist ein wohl komponierter Auftakt, denn das Prinzip "nach innen offen, nach außen geschlossen" erscheint wie die programmatische Verdichtung des gesamten Festivalgedankens: Der Besucher begibt sich direkt in ein Spannungsfeld, das unterschiedlichste Künstler, Designer und Architekten konstruiert haben - er kann einen guten Teil der gezeigten Werke im Wortsinn besitzen, etwa auf der von weißer Lackfolie überzogenen Freizeitlandschaft von Tilman und Ulrich Wendland in Büchern blättern und neonbunte Strohhalme aus ihrer Verpackung nesteln. Doch es wird ihm schwer fallen, in der Kontemplation das künstlerische Vokabular zu verstehen - sofern er nicht selbst Teil einer der vielen hier abgebildeten Szenen ist und Anspielungen auf Lebensumstände und Daseinswerte deshalb decodieren kann.

Das fünf Wochen andauernde "Z 2000" wurde für einen schlanken Etat von 1,5 Millionen Mark von der Akademie der Künste initiiert und konnte dank der Absichtsäußerung, eine Bestandsaufnahme der Kunst an der Schwelle zum dritten Jahrtausend vornehmen zu wollen, auf die aufopferungsvolle Mitarbeit etwa des Berliner Kunstraums Loop sowie der Universität Witten/Herdecke bauen; letztere besorgte die Ausstattung des Herzstückes von "Z 2000", der Ausstellung "Bleibe". Sie will, so die Initiatoren, im Imperativ zum Bleiben auffordern, aber ebenso dem Besucher ein "Zuhause" bieten, ihn zum Bewohner werden lassen. Nie war Kunst so kuschelig wie heute; auf der 98er "Berlin Biennale" wurden die leicht mit hiesigen Club-Interieurs zu verwechselnden Lounges noch als neuartig gemütliche Beigabe registriert, heute haben sie es zum Inhalt einer ganzen Ausstellung geschafft. "Kunst als Anlass zu einem Gespräch" ist laut "Bleibe"-Initiator Jörg van den Berg alles, was dem Publikum zur Vorgabe gemacht werde: Ein Rembrandt erfordere für die angemessene Rezeption Kenntnisse, hier könne man allein seinen Augen trauen. Man nimmt sich etwa einen leeren Getränkekasten aus einem fahrbaren Regal, das Objekt und Raumteiler zugleich ist und lungert darauf mit Hilfe des genau passenden "Deposit"-Abdecktabletts so richtig vorsätzlich herum, vielleicht nach dem Willen der Ideengeber in dem Bewusstsein, so der "Entschleunigung" des Hype entgegenzuwirken und die "Dynamisierung der Lebensstrukturen" zu erkennen. Ironisch gemeint ist das keinesfalls.

Klaus Kehrwalds dunkellila, wie mit Schwarzlicht bestrahlte Ölbilder von Pflanzen und Polstergarnituren oder Richard Billinghams Augenzeugenfotografien aus armem englischen Milieu verbergen sich in einem Labyrinth von nackten Betonwänden, in das Anja Wieses Video-Beschwörungen hineinlocken: "Sie können sich auf uns verlassen, wir möchten Sie in keiner Weise bedrängen ..." Es ist diese ständige Beruhigung, dieses "Keine Angst, wir beißen nicht", das verwundert bei "Z 2000" - als sollte Kunst sich nicht mit Hingabe an einer Vision oder der Welt abarbeiten, sondern vor allem ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervorbringen. Natürlich sind deshalb inszenierte Interieurs gerade derart en vogue; sie können ja nicht nur wie gehabt die Dreidimensionalität interpretieren, sondern den Raum ebenso als Ort sozialer Zusammenkünfte darbieten - da, wo die Fäden der viel beschriebenen Netzwerke zusammenlaufen, wo man anhand so subtiler Zeichen wie taiwanesischer Plastikschlappen sein Gegenüber plötzlich als Bruder im Geiste entdeckt.

Es ist nicht zu übersehen, dieses Bedürfnis danach, verständnisvoll umhegt zu werden - denn mit dem (allerdings diffusen) "Wir-Gefühl" scheint es auch in der Bildenden Kunst endgültig vorbei zu sein. Das wird besonders deutlich, wenn man "Z 2000" mit seinem Vorläufer "X94" vergleicht: "X94" - die erste, viel beachtete Junge-Kunst-Bestandsaufnahme der Akademie der Künste - entlieh sich ihren Namen von der noch einigermaßen homogenen "Generation X" und versprach "50 days to blow your mind". Sie delektierte sich vielleicht etwas pathetisch an den Gefahren und Verlockungen der wilden, wilden Großstadt, aber sie bezog nicht zuletzt aus diesem Größenwahn ihr Vermögen, anhand von Thesen tatsächlich für Erhellung zu sorgen. Für diesmal sind nur "fünf turbulente Wochen" angekündigt.

Das Festival von 1994 wirkt in der Rückschau durch das Selbstbewusstsein, mit dem sich Bildende und Darstellende Künstler in den ersten Nachwendejahren ihren Platz an ungenutzten und deshalb undefinierten Orten Berlins - siehe etwa die "Kunstruine" Tacheles - gesichert hatten. Diese Areale sind heute zusammengeschrumpft; wer sich als Künstler etwa nicht aus Mitte, dem Bezirk-wo-alles-anfing, herausdrängen lassen möchte, kann den Sanierungen und Umwidmungen der Gebäude zu Gewerbeimmobilien nur durch fortgesetzte Umzüge entkommen. Die heute unabdingbare Suche nach "Nischen" führt zwangsläufig zur Rationalität, zur Rastlosigkeit und zum Zerfall einer Szene in viele kleine Bedürfnistruppen. Sie befördert jedoch auch eine leicht atemlose Flexibilitäts-Pose, die sich aus der Lehre von der Postmoderne und dem Bilderangebot der Massenmedien wie aus einer Haribo-Mischung bedient. So wohnt manchem künstlerischen Werk eine Augenblickslaune inne, die je nach Sichtweise altmodisch als Unernst oder diskurserfahren als Nicht-Verortung ausgelegt werden kann.

Z 2000 Positionen auf Polstermöbeln // Sieben Ausstellungen präsentiert "Z 2000": Bereits eröffnet wurden "Bleibe", "Next!" (HipHop-Kunst) und "Bungalow" in der Akademie der Künste (bis 20. 8. tgl. 11-19 Uhr) sowie "Satellit" (Berlin-Pavillon, Str. des 17. Juni 100; bis 20. 8. Di-So 13-19 Uhr) und "Present/ Representation" im Netz-Werk (Fehrbelliner Str. 46-48; bis 20. 8. tgl. 11-19 Uhr). Ab 19. 7. ist "Janas Art Gallery" im Künstlerhof Buch (Alt-Buch 45-51, bis 9. 8. Mo-Fr 13-19, Sa/So 11-19 Uhr) zu sehen, vom 22. 7. -20. 8. dann "Global Ghetto" im Künstlerhaus Bethanien (tgl. 11-19 Uhr).

Mehr als 300 Künstler gestalten zudem ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Lesungen, Performances, Theater, Tanz, Konzerten und Clubnächten.

Carmen Böker
Berliner Zeitung vom 17.07.2000, Seite 13