Bleibe, Next und Bungalow - drei Ausstellungen des Kunst- und Kulturprojektes Z2000 in der Akademie der Künste Berlin,
15. 7. - 20. 8. 2000, Hanseatenweg 10, 10115 Berlin, bis 20. 8. 2000

Mit diesen Ausstellungen ist der Dinosaurier ”Akademie der Künste” endlich in der Gegenwart angekommen. Selten hat man in diesen hehren Hallen in letzter Zeit eine so gute Ausstellung zur Gegenwartskunst sehen können wie mit ”Bleibe”. Dies betrifft die Exponate der Show genauso wie ihre Präsentation. Bei ”Bleibe” zeigt sich die kulturelle Neuorientierung, die seit einigen Jahren und heute immer deutlicher spürbar ist, von ihrer besten Seite. ”Bleibe” zeigt mehr als 40 Arbeiten von ähnlich vielen Künstler/innen und Designer/innen, die ihre Themen in den Bereichen von Architektur und Medien, Format, Identität, Geschlecht, Politik, Gesellschaft und Ästhetik finden. Sie arbeiten mit allen denkbaren künstlerischen Darstellungsformen und auf allen möglichen medialen Kanälen. Bei ”Bleibe” sind auch etliche Künstler/innen aus Mittel- und Osteuropa (Jaan Toomik, Apolonija Sustersic, Bojan Sarcevic, Gints Gabrans und Monika Ines Pormale) vertreten, die bisher kaum in Erscheinung traten. Neben mittlerweile bekannten Künstlern wie Franz Ackermann, Richard Billingham, Christine Borland, Douglas Gordon, Beat Streuli oder Olafur Eliasson, kann man in der Ausstellung auch Arbeiten von jüngeren, bisher zumindest in Berlin kaum in Erscheinung getretenen Künstler/innen kennenlernen.

”Bleibe” findet im oberen Geschoß der Akademie statt und zeigt neben Künstlerarbeiten weitere Ausstellungsgegenstände, die sowohl als Sitzmöbel, funktionale Kunst oder Design betrachtet werden können. Die Ausstellung besitzt eine bemerkenswerte Offenheit und luftige Klarheit, die auch deshalb entsteht, weil die Kuratoren den einzelnen Arbeiten den großflächigen Raum zugestanden haben, den sie benötigen, um mit anderen Arbeiten kommunizieren zu können. So entstehen Möglichkeiten die Arbeiten als geschlossene Werke zu betrachten, aber auch Teile der Ausstellung im Sinne eines Bildes, einer ästhetischen Vorstellung zu erleben, und damit etwas wie ”Zeitgeist” oder die ”Momentaufnahmen von Gegenwartszuständen” zu begreifen. ”Bleibe” bietet der Kunst eine Bleibe, das heißt es wird der Versuch unternommen ”einen musealen Raum bewohnbar zu machen, ihm eine Vielfalt von Lebensaspekten einzuschreiben”. (Karen & Jörg van den Berg, Katalog zur Ausstellung Z2000, S. 39) Es kommt wohl von diesem eingelösten Anspruch, daß ”Bleibe” Kunst wie ein Lebensmittel behandelt und ausstellt, und nicht als Luxusware oder elitäres Gut. Die Lösung in der Akademie wirkt dabei bewußt provisorisch, beweglich, optional und konkret. Der Künstler Jochen Gerz hat vor einiger Zeit geäußert, daß sich die Menschen von großen Bilder klein fühlen wollen - ”Bleibe” läßt es dazu erst garnicht kommen, sondern bietet Möglichkeiten zu einem anderen Umgang mit Kunst an - stellt Räume, Informations- und Erholungsangebote bereit, offeriert die Gelegenheit zum Spielen und Experimentieren und baut Schranken ab, denn ”Bleibe” ist eine Ausstellung zum Schauen, Herangehen, Anfassen , Ausprobieren und Erkennen. Schön, daß es diese Ausstellung gibt - andere Projekte, etwa die berlin biennale im Jahr 2001, werden an ”Bleibe” zu messen sein. ”Bleibe” zeigt neben Arbeiten von den weiter oben genannten Künstler/innen auch Kunst von Andrea Wolfensberger, Anja Wiese, Tillmann u. Ulrich Wendland, Nele Stecher, Jan-Peter E.R. Sonntag, Ross Sinclair, Judith Samen, NOVAPHORM, Ueli Michel, Andrew McNiven, Muda Mathis, Antje Majewski, Jörg Lenzlinger/Gerda Steiner, Klaus Kehrwald, Hans-Dirk Hotzel, Jürgen Hartmann, David Hardy, Alexander Hahn, Utta Hagen, Katharina Grosse, Mark Formanek und Shan Edwards. Ausstellungsarchitektur: Entwurf Quartier Vier.

Während die Ausstellung ”Next”, die im Foyer, im Untergeschoß und im Gartenbereich der Akademie stattfindet, eher ein wenig bemüht versucht ultra-hip und modern zu sein, und dabei den Eindruck hinterläßt, daß man ihren Graffiti- und Trash-Trend in New York und London doch schon längst ”abgefeiert” habe, ist das Projekt ”Bungalow” der Berliner Künstlergruppe ”Stadt im Regal” eine grandiose Idee mit absolut präziser Durchführung:
Die Künstler/innen haben vor die Akademie, direkt neben ihren Eingang, einen provisorischen Bungalow aus grobem OSB-Spanholz gesetzt, der in seiner Form die Bungalow-Architektur des internationalen Stils zitiert. Genauer gesagt haben die Künstler/innen das Musterhaus Typ A, Nr. 39 des Architekten Eduard Ludwig im Maßstab 1:1 nachbauen lassen, das für die internationale Bauausstellung 1957 in Berlin entwickelt wurde. Der damals zur Bauausstellung tatsächlich realisierte ”Bungalow” von Ludwig befindet sich übrigens nur 100 Meter von seiner Imitation entfernt. Integriert in den Gartenbereich des Modellhauses sind Teile der Vorgartenanlage der Akademie und die klassisch-moderne Bronzeplastik Henry Moores, die immer vor der Akademie lagert. In dieser offenen Baustruktur ohne Fenster und Türen, finden sich etliche Arbeiten mit denen der Bungalow ”eingerichtet” ist, und die sich auf die soziale und funktionale Situation innerhalb eines solchen Kleinfamiliengehäuses beziehen, es konnotieren, sabotieren und kenntlich machen. ”Bungalow” integriert sich perfekt in die Umgebung - und irritiert sie gleichfalls. Die Künstlergruppe ”Stadt im Regal” existiert seit 1996 und hat mittlerweile verschiedene Projekte, die sich mit Fragen von Stadtplanung und Städtebau befassen, durchgeführt, - so etwa 1997 eine Ausstellung im Parkhaus in der Berliner Bärenstraße und 1999 die Ausstellungen ”Stadt in den Beinen” in Mexico-City und Los Angeles. Mitglieder von ”Stadt im Regal” sind die Künstler/innen und Architektinnen Tina Born, Antje Dorn, Ursula Döbereiner, Kerstin Drechsel, Friederike Feldmann, Heike Klußmann, Valeska Peschke, Birgit Schlieps, Katharina Schmidt, Christine Schmutzler, Michaela Schweiger, Markus Strieder und Daniela von Waberer.

Dr. Peter Funken, ART-REVIEWS, 21.08.2000